Vier Monate Sommer






Kurzversion*
Sie lernen sich im Internet kennen. Er ist Professor – für irgendetwas. Und sie ist arbeitssuchende Schauspielerin. Irgendwie vorbei am Traum lebend, momentan. Vielleicht ist sie inspiriert von seinem Denken, von seinem Blick auf die Welt. Sie mögen sich sehr, anfangs. Er ist der perfekte Gentleman.
Er hat ein Haus auf Gran Canaria. Eine Poolanlage, die er extra besichtigt hat. Er war lange dort, während Corona.
Das alles hat sein Leben auf den Kopf gestellt. Er erholt sich schon länger von seiner Erschöpfungsdepression – weil er den größten Architekturwettbewerb der Welt ausgestattet hat. Als Kulturmanager.

Jetzt hat er die Professur, die er irgendwann mal wollte, die ihm aber jetzt egal ist. Und die Kirche, die er wollte. Eine Kulturkirche in einer mittelgroßen Stadt. Sehr spannend, diese Konstellation. Und er will sie, obwohl er überzeugter Marxist ist.

Dann ist da dieses eine Wochenende – ohne das Kind. Dieses Wochenende ist besonders.

Sie verpassen den Flug. Weil sie ihm sagt, dass es so nicht geht. Er hört nicht auf sie. Aber dann agiert er wie der perfekte Gentleman. Er organisiert alles neu. Bucht um. Beruhigt sie. Es ist entspannt.

Dann kommen sie an. Der Mietwagen ist weg. Stromausfall. Ein neuer Wagen wird gebucht. Er serviert ihr Sangría – die, die es nur auf den Kanaren gibt. Mit ganz vielen Früchten. Ein bisschen Wodka.

Aber sie weiß seit letzter Woche, dass er eigentlich zu viel trinkt. Jeden Abend eine Flasche Rotwein, wenn sie nicht da ist. Vielleicht ein paar andere Dinge zum Runterkommen. Er pusht sich auch massiv. Ritalin. ADHS.

Aber in der Diskussion geht es nicht darum, dass sie etwas erzählen könnte. Das hat er nicht gefragt. Suchtverschiebung, glaubt sie, nennt man das. Das müsste sie noch lernen. Auf jeden Fall weiß sie viel.

Sie weiß, dass er nicht mit seinen Gefühlen verbunden ist. Das weiß sie schon, bevor sie gefahren sind – in seiner improvisierten Wohnung.

Irgendwie tut er alles, worauf sie ihn hinweist. Er lädt sie zum Essen ein. Im Nachhinein kauft er ein. Sie zeigt ihm Videos. Sie lachen darüber. Irgendwie haben sie eine schöne Art, miteinander zu sein.

Dann ist er plötzlich ganz weit weg. Sie haben schönen Sex. Es macht Spaß. Fast könnten sie nicht verhüten. Aber fast könnte er sich spüren. Ohne alles.

Dann wird sie krank. Grippe? Oder war sie einfach zu nah am Äquator? Vielleicht ist das die beste Formulierung. Diese fünf Breitengrade, die die Kanaren näher am Äquator liegen. Oder 35° Afrika, Äquator, Ozonbelastung.

So fühlt sie sich auch oft in dieser Beziehung. Zu heiß. Zu intensiv. Sie ist ein Serotonin-Aufheller. Das Problem: Das kann niemand auf Dauer sein.

Er weiß das auch. Er spürt, dass nichts ihm das Gefühl von Lebensfreude zurückgeben kann.

Dann fliegen sie zurück. Er vergisst seinen Laptop auf der Insel. Die Arbeit, immer wieder die Arbeit. Die Flucht. Vielleicht auch zu viel Sex. Total bei ihr sein. Ihre Hand halten. Sie anlachen. Sie küssen, wenn sie schläft. Ein- und ausatmen. Einsteigen. Miteinander reden. Lachen. Dann fahren. Der Fahrdienst. Erdbeermond sehen. Warum Erdbeermond? Weiß man nicht. Er war groß.

Dann passiert das, was immer passiert. Das letzte Mal, dass sie sagt: „Schlaf mit mir ein.
Er folgt ihr. Er ist wach. Wahrscheinlich auch schlaflos. Er umarmt sie. Sie hat am nächsten Morgen einen Auftritt. Für ein Seminar. Aufnahmeprüfung. Regieprüfung. Filmhochschule. Die Texte sind schlecht geschrieben. Aber es macht Spaß, sie zu spielen.

Er hört den Wecker. Sie ist ganz müde. Zieht sich die Decke über den Kopf.

Ein letztes Mal putzt sie ihre Zähne in seiner Wohnung. Sie weiß nicht, dass es das letzte Mal ist.

Er gibt ihr noch einen Kuss. Dann geht sie. Er sagt: „Du kannst auch duschen.“ Sie sagt: „Nein.

Sie hat das Gefühl, angekommen zu sein. Mit ihm. Von der Möglichkeit dieser Insel. Vielleicht hätte sogar das Kind dort hingehen können. Oder ihr Kind. Das spanische Schulsystem. Überhaupt fühlt sie sich gut.

Aber er antwortet nicht. Sie hat ein mulmiges Gefühl. Vielleicht denkt sie, sie sei paranoid. Sie schreibt ihm, fragt, wie es ihm geht. Er antwortet flüchtig. Am nächsten Tag telefonieren sie. Auch da: keine Zeit. 
Irgendwann hat sie Gewissheit.

Irgendwann sagt er: „Ich wollte schon länger mit dir reden.“ Dann sagt er diesen Satz: „Ich habe mich nicht so in dich verliebt, wenn du mir diese süßen und schönen Sätze sagst.

Sie fragt sich: Welche süßen Sätze? Ja, sie war manchmal verliebt. Aber den großen Satz mit der Liebe – den hat sie ihm nie gesagt.

Es kam ohne Ankündigung. Ohne Vorwarnung. Tja. So war das.

Sie hat geweint. Sie war traurig. Es gab nicht diese Möglichkeit der Zusammenkunft. Aber jetzt ist sie erleichtert. Denn das Gefühl, das er sucht – das wird ihm niemand geben können. Er muss es in sich selbst finden.

Sie hat kurz in diesen Abgrund geschaut. Sie sagte: „Ich kann da nicht rein.


*Für die Vollversion bitte Autorin anschreiben 
 

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